NOVEMBER 2017
Neues Heft
Schwere Zeiten! Wir leben einer unsicheren Zukunft entgegen. Das verängstigt viele Menschen. Alles ist von heute auf morgen, nichts ist mehr planbar. Nicht einmal die Jause bei der Maltschi-Tant’ am nächsten Sonntag. Unsere Polit-Kasperln übertreffen einander mit Schmollmund und Klage, weil sie nicht eingebunden sind. Erstens, die Opposition braucht man nicht „einbinden“, wenn man ohne sie eine Mehrheit im Parlament hat. Zweitens, die unsägliche „Kleinstaaterei“ un­serer Landesfürsten (es sind eh immer die gleichen) ist in Zeiten wie diesen ebenfalls hinfällig. Da darf ich an den so wahren und wichtigen Spruch erinnern: Auf jedem Schiff das dampft und segelt, gibt’s einen der die Sache regelt. Seuchen haben mit Kriegen ge­meinsam, dass man sich nicht schon Monate vorher „darauf einstellen“ kann und dass man die Strategien nicht in endlos demokratischen Diskussionen abarbeiten kann, sondern alles ganz rasch und dezidiert. Die Einsatzpläne der medizinischen Fachleute können nicht gemeinsam nach Waldorfmanier getanzt werden. Da muss es Statements der Verantwortlichen (demokratisch: einer Mehrheit) geben, und die gelten, Punktum. Das Gejaule, dass die Demokratie in Gefahr ist, mag die jeweilige politische Klientel begeistern, aber es wird nichts an den Tatsachen ändern. Unternehmen Kebab Ende September schlug die Meldung wie eine Bombe in den heimischen Medien ein: „Anschlagspläne auf österreichische Politiker?“ Ein Mann – angeblich ein Agent des türkischen Geheimdienstes MIT – behauptet, er sei mit An­schlägen auf mehrere heimische Politiker beauftragt worden. Das BVT geht allerdings von keiner akuten Gefährdung aus – alles paletti. Die SPÖ verlangt natürlich (wie immer) Stellungnahmen von Innenminister Nehammer. Nach Aussage des Mannes, wo­nach er mit Anschlägen auf mehrere Politiker beauftragt worden sei, geht das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) den mutmaßlichen Anschlagsplänen nach. Das BVT geht aber "von keiner akuten Gefährdung in irgendeine Richtung" aus, erklärte Innenministeriums-Sprecher Harald Sörös bereits einen Tag später. Wie auch immer, ob das Innenministerium abwiegelt oder doch eine latente Gefahr vorhanden ist, es war an der Zeit unseren Donauinsel-James-Bond, „Schakl Bandl“, mit eingehenden Recherchen zu beauftragen. Die „Frankfurter Rundschau“, ein deutsches Qualitätsmedium, hält die Aussagen des angeblich türkischen Agenten für durchaus glaubwürdig: „Der frühere MIT-Mitarbeiter Feyyaz Ö., ein Türke mit italienischem Pass, hatte sich eine Woche zuvor selbst beim österreichischen Verfassungsschutz gemeldet und behauptet, er sei von einem Kontaktmann in Belgrad angeheuert worden, um Anschläge auf Erdogan-kritische Politiker zu verüben. In Wien habe er sich an die Polizei gewandt, denn er sei ,kein Auftragskiller’ und hoffe auf Schutz.“ Das nächste Level: Corona-Rentner Ich kann mit einer gewissen Freude nicht verhehlen, rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben. Ich bin der lästigen Pandemie ausgewichen, allerdings nicht gerade heldenhaft. Bevor sich Corona in die Köpfe der Menschen eingenistet hatte, landete ich mit einem bakteriellen Infekt 14 Tage im Krankenhaus, um mich in der Abgeschiedenheit eines ungemütlichen Zimmers von alten unfreundlichen Beißzangen aufpäppeln zu lassen. Das bedeutete jeden Tag Ärger und Verdruss, aber ich hatte diesen Anschlag auf Leben und Nervenkostüm überlebt, wobei ich vermutlich als unfreundlichster Patient seit Jahren in Erinnerung geblieben bin. Ich hatte mich schließlich selbst entlassen und verblieb wochenlang auf Krücken zuhause in löblicher Betreuung der Diakonie, um schließlich für drei Wochen in Reha geschickt zu werden. Das war  deprimierend: Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste jenseits der 60, aber dort war ich bis auf zwei Ausnahmen tatsächlich der Jüngste. Corona war bereits in aller Munde, eine Schwester mit erkältungsbedingtem Gesichtslappen wurde von den alten Leuten argwöhnisch beobachtet und immer wieder gefragt, ob sie Corona hatte. Damit erinnerte sie auch daran, dass draußen in der Welt Ungutes grassierte. Be-Hütet Wir Frauen verzichten heute weitgehend, Hüte zu tragen. Ist eigentlich schade! Man konnte so einen Hut dazu benützen, je nach Breite der Krempe, kokett hervorzulugen, oder das Gesicht etwas in den Schatten verschwinden lassen, oder mit einem kleinen kecken Etwas unsere Abenteuerlust zu verkünden. Da wir aber normaler Weise ja nicht nach Ascot fahren, oder die Queen besuchen dürfen, sondern nur auf Hochzeiten geladen werden oder zu Begräbnissen, genügen da zwei verschiedene Modelle, die man aber vielleicht verschieden dekorieren könnte … Einerseits, wollen würden wir uns schon gerne behüten lassen, (naja manches Mal), andererseits ist das be-Hüten im Alltag heutzutage ein wenig schwierig. Wer von uns weiß heute noch, wann wir den Hut aufbehalten können und wann wir ihn in der Garderobe lassen sollten. Essen mit Hutschleier ist auch sehr schwierig und im Bus oder in der Tram könnten wir, je nach Größe, den Nachbarn belästigen. In einem Fiaker würde sich ein Hut ja gut machen, aber wer fährt schon mit einem Fiaker in das Büro!? Was man alles wählen kann! Wir leben im Zeitalter der Wahlfreiheit. Zu allem in unserem täglichen Leben gibt es die multiple Wahlfreiheit, inzwischen sogar zum eigenen Geschlecht. Ob Kleidung, Essen, Fortbewegung, Urlaub, Partnersuche, Freizeitvergnügen, Kunstgenuss, es gibt einfach nichts, wo wir uns nicht Alternativen aussuchen könnten. Das „entweder-oder“ ist praktisch gestorben. Der alte Naziwitz „Wollt ihr Kanonen oder Butter“ ist längst passé. Wir wählen, was wir wollen, basta. Ob wir das auch bekommen, was wir wählen, ist eine andere Frage. Wenn wir die Riesenpackung Erdäpfel-Chips wählen, und es stellt sich heraus, dass die Hälfte davon Luft ist, dann ist das eine Mogelpackung, aber noch kein Wahlbetrug. In der politischen Landschaft hat sich das allumfassende Wählen, als Publikumsberuhigung, nahezu perfekt eingebürgert. Wir wählen Ausschussmitglieder, Vorstände, Parteikader und Gewerkschaftsbosse. Auch die Kandidaten der diversen Parteien werden von uns gewählt. In all diesem demokratischen Tun, haben wir allerdings bisweilen auch Mogelpackungen entdeckt, was aber allgemein nicht zum Zweifel an der demokratischen Wichtigkeit von Wahlen geführt hat. Die Hälfte heißer Luft hat sich bei manchen Politikern ja auch erst nach der Wahl herausgestellt. Aber wir sind der Souverän, wir sind das Volk, wir sind wichtig, und drum sind wir auch alle vier oder fünf Jahre „am Wort“, äh, nein, am Kreuzerl. Traktat über die Aggregation inexpektabler Konditionen des Theaters oder: Ein leerer Raum Freunde, das Leben ist schön, trotz der Unwägbarkeiten gouvernaler Beschränkungen. Ja, natürlich, auf die virale Entgleisung in unseren Lebensräumen muss reagiert werden, neusprechlich modern heißt das „Lockdown“. Das hat nun, wie schon einmal in diesem Jahr, die Schließung von Kulturstätten, Museen, Galerien, Theater und Opernhäuser zur Folge. Weil ja in unseren Tagen Kultur ein absolutes Minderheitenprogramm ist, sind geschlossene Kulturtempel eine „lässliche“ Sünde unserer Regierungsverantwortlichen. Damit wir Minderheiten nicht so traurig sind, weil unsere Freizeitaktivitäten geschlossen sind, hat man zum Trost auch Kampfsport- und Fitnesszentren ebenfalls geschlossen. Wir sind getröstet, denn diese Maßnahmen treffen sicherlich mehr Menschen als unsere kleine Gruppe. Das ändert nichts daran, dass auch unser Theater (wohl nicht wirklich ein Kulturtempel) nun in einen partiellen Dornröschenschlaf gesunken ist. So klein es auch ist, es ist dunkel und leer. Mit eingeschalteten Scheinwerfern wird die Leere noch unterstrichen. Es ist und bleibt (für eine Weile jedenfalls) ein leerer Raum. Ein leerer Raum? Da war doch was! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, „Der leere Raum“, der Klassiker unter den Büchern zum Theater. Er ba­siert auf vier Vorlesungen, die Peter Brook unter dem Titel „The Empty Space: The Theater Today“ in den sechziger Jahren gehalten hat. Vor vielen Jahren war ich allerdings mit Peter Brook nicht eines Sinnes. Seine Definition des „toten“ Theaters entsprach genau jener Art von Theater, die ich selbst „machen“ wollte. Gemeinsam haben wir jedoch die Liebe zu Shakespeare, und auch die Tatsache, dass wir beide im Alter von zehn Jahren das erste Mal vor Publikum Theater gespielt haben. Ich blättere in meinen Theater-Schriften und Kopien. Da stehts, ich habe den berühmten Satz gefunden: „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zu­sieht; das ist alles, was zu einer Theaterhandlung notwendig ist“. Prima, nachdem ohnehin niemand auf unserer Bühne herumturnen darf, mache ich mich daran, das Postulat von Peter Brook allein auszuprobieren. L O C K D O W N Auf jeden Fall klingt „Lockdown“ besser als „Ausgangssperre“. „Ausgangssperre“ erinnert an Kriegszeiten, Angst vor Bomben oder vor einem eventuellen „Jack the Ripper“. Da wir ja den Hang dazu haben, alles zu „anglifizieren“ ist Lockdown die logische Definition. Aber wie immer wir dazu sagen, wir werden dadurch „domestiziert“, also an Hof und Haus gewöhnt und gebunden, gezwungen. So gesehen haben wir das gleiche Schicksal, wie die Wölfe in der Vergangenheit. Diese wunderbaren Tiere wussten gar nicht, was mit ihnen geschieht, wir allerdings schon. Für manche fühlt es sich an, als würden sie/er auch „monogamisiert“, denn eine Geliebte, oder einen Geliebten kann man so nur schwer, wie gewohnt, in das Leben mit einbeziehen. Liebe am Nachmittag geht sich in dieser Zeit nur schwer aus, da man ja, entweder arbeiten muss, oder im „Home-Working“ unter strenger Aufsicht der ganzen Familie sitzt. Ein außereheliches Flüstern via Skype ist da außerordentlich schwierig und frustriert nur. Das wird vielleicht noch besser werden, wenn es die reale Fernbrille mit räumlichem Sehen geben wird. Doch wirklich befriedigen wird das auch nicht, wird eher quälend werden! Kleine Abstecher am Abend in das nahe gelegene Wirtshaus sind ebenfalls gestrichen, da sie allesamt geschlossen sind. So manche Freundschaften werden da zerbrechen; außer man trifft sich beim Müll hinuntertragen auf eine schnelle Zigarette, einen Rauch-Quicky sozusagen. Doch im Winter ist dem auch eine gewisse temperaturbedingte Grenze gesetzt. Entfremdung und Einsamkeit setzen sich fest. Sehnsucht nach Reichtum Es war einmal ein Bauer, dem wuchs nichts als Hirse auf seinem Feld, und so konnte er keinen Reichtum erwerben. Er sehnte sich aber nach Reichtum und weinte oft des Nachts aus unerfülltem Verlangen. Er hatte noch nicht einmal genügend Geld, um eine Frau zu erwerben. Täglich schaute er über die Straße auf seinen Nachbarn, den Reichen, und dabei füllte sich sein Herz mit Neid. Er beobachtete, wie sich die vier schönen Frauen des Reichen um ihn sorgten, wie sie für ihn kochten und seine Felder bestellten. Er sah zu, wie die vielen Kinder im Hof spielen und auf den Feldern arbeiten. Der arme Mann beschloss also, Freundschaft mit dem reichen Mann zu schließen in der Hoffnung, der reiche Mann würde ihm genügend Geld leihen, damit auch er sich eine Frau erwerben könne. So hoffte er, dass sich auch seine Angelegenheiten allmählich verbessern würden. Der arme Mann nahm den größten Teil seiner Ersparnisse und ging ins Dorf, wo er das schönste Gewand kaufte, das er sich leisten konnte. Am nächsten Tag brachte er es seinem Nachbarn, dem reichen Mann, und schenkte es ihm. "Bitte, nimm mein Geschenk an, Nachbar. Ich bin dich besuchen gekommen, weil ich gern dein Freund werden möchte." Zu guter Letzt! Namen sind Schall und Rauch Wer zu viele Bekannte hat, vermag sie einfach nicht mehr auf seiner Mattscheibe festzuhalten. Einer aus dem Strom der Passanten lächelt und bleibt stehen. „Hallo, wie geht’s?“ Der Angesprochene, der natürlich nicht weiß, wo er diesen hintun soll, kontert: „Und selber?“ Und jetzt beginnt die Suche in allen Gehirn-Schubladen. Ist man per Du mit seinem Visavis oder per Sie? Woher kennt man ihn? Man fragt: „Wohin geht die Reise?“ Und kriegt zu Antwort: „Na ja, ein bisserl unter die Leut’ halt!“ - „Und wie geht’s daheim?“ „Soso, lala.“ - „Wann haben wir uns zuletzt gesehen?“ - „Ist auch schon einige Zeit her.“ – „Und was macht denn übrigens der Dingsda? Wie heißt er denn gleich?“ – „Da weiß ich jetzt wirklich nicht, wen Sie meinen!“ – „So was, mir fällt der Name auch nicht ein.“  Jetzt weiß der Interviewer wenigstens, wir sind nicht per Du. Also hat man seinen Gesprächspartner nicht beim Barras, in der Untersuchungshaft oder beim Schweinehüten kennen gelernt. „Na, wie viel Kinder sind’s denn jetzt daheim?“ – „Immer noch dieselben.“ – „Aber der Bub heißt doch hoffentlich auch Franzl so wie Sie?“ – „Welcher Bub denn?“ – „Ach, bin ich ein Esel, das Töchterchen mein’ ich ja!“ – „Ja so, die Luise, die ist auch schon groß jetzt.“       Die nächste Ausgabe erscheint      im Februar 2021 
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Erscheinungstermin: 30. NOV. 2020