Editorial
Süchte, Zwänge und Phobien!
Irgendwie ist die Frage nach dem freien Willen oder der Verantwortung für die freie eigene Entscheidung allmählich in Verschütt
geraten.
Wenn ich Medien konsumiere (Online oder Print), stoße ich in jüngster Zeit häufig auf Meldungen über psychische Störungen,
Phobien, Komplexe, Wahnvorstellungen, für die die Betroffenen alle nichts können.
Wenn ein Mensch dick ist, dann isst er nicht zuviel, sondern er hat eine Störung. Kindheitstraumata sind da ein beliebtes Motiv.
Wenn ein Mensch stiehlt, da kann er auch nichts dafür, er leidet nur bedauerlicherweise an Kleptomanie, oder er hat Stimmen
gehört, die ihm sein Tun empfohlen haben.
Die jüngste Initiative beherzter Pädagogen zur drastischen Reduzierung des Konsums von (a)sozialen Medien durch unsere
Klein- und Schulkinder, hat sofort Psychologen, Soziologen, Politologen, Anthropologen, und was weiß ich noch für „Logen“, auf
den Plan gerufen, die sofort auf die Komplexität dieses Themas hinwiesen.
Und vor allem, natürlich trifft die Betroffenen keine persönliche Schuld, sie können nichts dafür, sie sind einfach nur psychisch
instabil. Sie sind nur arm und bedauernswert und bedürfen der rührigen Obsorge von Fachleuten auf dem Gebiet der
„Seelenkunde“.
Ganz neu war für mich die Entdeckung dieser furchtbaren Zwangsneurose, der Bigorexie – eine psychische Erkrankung, die vor
allem junge Männer betrifft. Während Frauen in der Regel abnehmen und schmäler werden wollen, wollen diese armen, gestörten
Burschen oft größer, stärker und muskulöser werden – manchmal bis zum Äußersten. Was Freistilringer bisher nicht geschafft
haben, die Bigorexie wird zum Körperkult unserer Zeit (Anabolika sei Dank).
Bei manchen Menschen artet diese Denkweise in eine Besessenheit aus, Fett abzubauen und Muskeln aufzubauen – eine
Fixierung, die eben als "Bigorexie" oder Muskeldysmorphie bekannt ist.
"Das passiert, wenn jemand von der Idee, nicht muskulös genug zu sein, stark beschäftigt oder gar besessen ist", erklärte Dr.
Jason Nagata, Forscher für Essstörungen an der Universität San Francisco. Die Betroffenen verbringen drei bis fünf Stunden
täglich damit, sich Sorgen um ihren Körper zu machen, kontrollieren ständig ihr Aussehen im Spiegel und kämpfen mit massiven
Stimmungsschwankungen.
Endlich weiß ich, was Work-Life-Balance bedeutet: Die tägliche Sorge um ihr Aussehen lässt ihnen keine Zeit für die Arbeitszeiten
der Normalos.
Angesichts dessen ist die Abschaffung der Lateinstunden nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Schule muss im Fitnesscenter
stattfinden – und auch noch bezahlt werden!
Ich wünsche ein „überhitztes“ Frühjahr und ein Schmunzeln mit unserem Heft!
Christian Faltl - Herausgeber
Das ironisch satirische Magazin aus Österreich!
APRIL 2026