Editorial

Der gute Mann von Wien

Liebe Leserin, lieber Leser! Hoch klingt das Lied vom braven Mann. Er ist kein Geringerer als das Stadtoberhaupt unserer Re­sidenzstadt Wien, „Luigi“, das Schnitzelgesicht („Schnitzelgesicht“ hat Gery Keszler urheberrechtlich vorahnend schon aus der Taufe gehoben). Denn es geht ja nicht ums Ganze, es geht – Sie haben es erraten – natürlich ums „Schnitzel“. Der Philanthrop Ludwig sah die Leiden seiner Stadtbewohner ob der Quarantäne-Beschränkungen und er trocknete verbal die bitteren Tränen seiner händeringenden Gastronomen, da sie kaum vom Schock der Rauchverbote in ihren elysischen Kaschemmen genesen nun mit dem Corona-Lock-Down dem Hungertode ausgeliefert waren. Um den lieben Wienerinnen und Wienern, die ja schon schwer an den Entzugserscheinungen von edelsaurem Veltliner, inzwischen nicht mehr österreichischem Bier und natürlich Schnitzel und Schweinsbraten leiden, die Qual zu mildern, hat der edle Mann in nächtlichem Ringen nach einer Lösung gesucht. Salomonisch möchte man sagen, denn diese Wohltat an seinen Bürgern ist doch gleichzeitig auch ein „Benefizerl“ für die gequälte Gastronomie, eine „Doppellutz“ auf Wienerisch. Man lässt die Wiener aus dem Haus und gleichzeitig (welch ein Zufall) lässt man die Wirte ihre Garküchen-Tempel wieder aufsperren. Nicht genug mit solch paradiesischen Zuständen hilft man beiden Gruppen noch wirtschaftlich: Haben die Leute in Kurzarbeit oder bereits mit Lagerkoller auf der Psychiatercouch nicht das nötige Kleingeld, um sich das tremorlindernde Vierterl oder Krügerl in den trockenen Schlund zu gießen, dann haben die Wirte auch wieder keine oder nur marginale Kundschaft. Abhilfe tat Not: mit dem „Wirtshaus-25er“! Ja, so ist er, der „Luigi“, uneigennützig und durch und durch sozial. Ab Mitte Juni erhält jeder Wiener Haushalt einen Essensgutschein gratis. Einpersonenhaushalte bekommen 25 Euro, für Mehrpersonenhaushalte sind es 50 Euro. Einzulösen in einem der 9.000 Gastro- Betriebe oder Kaffeehäuser. Gedacht für ein bisschen Feierlaune anlässlich der Eröffnung der Schanigarten-Saison. Christian Deutsch soll abseits der Presse Tränen der Rührung vergossen haben. Rund 950.000 Haushalte in Wien werden dergestalt verwöhnt. Die rund 40 Millionen veranschlagten Kosten für die Aktion trägt die Stadt Wien. Ein Hoch auf Wien, das noch in Bedrohung durch die Pandemie sogar 40 Millionen aus dem Sparstrumpf, äh, oder sonst woher, nehmen konnte. Hoch klingt das Lied vom braven Mann, wie Orgelton und Glockenklang … . Also, dass da irgendein Zusammenhang, nein, es gibt schlechte Leut’, … nein, mit der Wien-Wahl im Oktober hat das aber ganz sicher NIX zu tun! Christian Faltl - Herausgeber
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Mai  2020